Zwei Staaten, eine Stadt – und keine Lösung Artikel AN / AZ 29.12.2017

In seinem Artikel „Zwei Staaten, eine Stadt – und keine Lösung“, der am 29. Dezember 2017 in den Aachener Nachrichten und der Aachener Zeitung veröffentlicht wurde, kritisiert der Aachener Theologieprofessor Simone Paganini die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Dabei bedient sich Paganini einer polemischen, die Realität verzerrenden Scheinargumentation, zu der wir hier Stellung beziehen:

Den Artikel der AN / AZ vom 29.12.2017 finden sie hier in PDF Form.

Unsere Antwort, die in gekürzter Form in der AN / AZ am 11.01.2018 abgedruckt wurde.

Die Leserbrief zu diesem Artikel finden sie hier.

Hier unser vollständige Text, der leicht gekürzt am 11.1.2018 von AZ / AN abgedruckt wurden::

Hauptstadt Jerusalem: Der ideologische Delegitimierungsversuch eines Aachener Theologen

Stellungnahme der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Aachen e. V. zum Artikel „Zwei Staaten, eine Stadt – und keine Lösung“ von Prof. Simone Paganini, veröffentlicht am 29. Dezember 2017 in den Aachener Nachrichten und der Aachener Zeitung.

Verfasst von Marc Neugröschel (mit freundlicher Unterstützung von Dr. Michael Kreutz und Ulrich W. Sahm, alle Rechte vorbehalten)

In seinem Artikel „Zwei Staaten, eine Stadt – und keine Lösung“, der am 29. Dezember 2017 in den Aachener Nachrichten und der Aachener Zeitung veröffentlicht wurde, verbreitet der Aachener Theologieprofessor Simone Paganini ein Zerrbild der historischen, politischen und kulturellen Realität, um die Legitimität von Jerusalem als Hauptstadt des Staates Israel in Frage zu stellen. Der Text kritisiert die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Dabei stützt er sich auf falsche Prämissen und eine willkürliche Auswahl von Fakten, die nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen werden, sondern darüber hinaus für die Frage, ob Jerusalem zu Recht die Hauptstadt Israels ist oder nicht, kaum Relevanz haben. So konstruiert Paganini eine manipulative Scheinargumentation, mit der er seine Leser hinters Licht führt und ideologisch motivierten Tendenzen zur Delegitimierung jüdischer Souveränität Vorschub leistet.

Paganini stellt die Historizität von König David in Frage und weist darauf hin, dass Jerusalem in der Antike die Hauptstadt des Königreiches Juda und nur kurzzeitig – wenn überhaupt jemals – die Hauptstadt des Königreiches Israels gewesen sei, dessen Existenz historisch nicht gesichert ist. Dies ändert aber nichts daran, dass Jerusalem, nachgewiesenermaßen, bereits in der Antike das religiöse und kulturelle Zentrum des Judentums gewesen ist und als solches seit Jahrtausenden eine ganz zentrale Bedeutung in jüdischen Schriften und im jüdischen Bewusstsein hat. Die Existenz des zweiten jüdischen Tempels (erbaut 515 v. Chr., zerstört 70 n. Chr.), welche von der Jerusalemer Klagemauer, dem heiligsten jüdischen Monument, und einer Vielzahl weiterer archäologischer Fakten bewiesen wird, ist genauso unbestreitbar, wie die Bedeutung von Jerusalem als Sehnsuchtsort in jüdischen Gebeten, religiösen Traditionen und im Alten Testament. Kürzlich wurden archäologische Funde gemacht, die sogar die Existenz des ersten jüdischen Tempels (zerstört Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. durch die Babylonier), welche bislang als historisch ungesichert galt, zu belegen scheinen.

Jerusalem war zudem nicht nur seit der Antike immer von Juden besiedelt, sondern auch immer wieder Ziel jüdischer Immigration. Im 13. Jahrhundert kam es zu einer Welle jüdischer Einwanderung aus Nordafrika und Europa, in dessen Rahmen sich auch dreihundert Rabbiner in der Stadt ansiedelten. Im 16. Jahrhundert berichtet der Fugger-Kaufmann Hans Dernschwam von einer jüdischen Bevölkerung rund um das Mittelmeer, unter der es in höherem Lebensalter üblich war, sofern sie über genügend finanzielle Reserven verfügten, ins Heilige Land – und dort vor allem nach Jerusalem – auszuwandern. Israels Anspruch auf seine Hauptstadt Jerusalem gründet unter anderem auf diesen historischen, kulturellen und demographischen Fakten.

Paganinis Behauptung, dass Trumps Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt auf der Annahme von der Historizität König Davids beruht, ist schlichtweg an den Haaren herbeigezogen. So verwundert es auch nicht, dass der Theologieprofessor, der in seinem Text die Bedeutung historischer Quellen betont, keine einzige Quelle für diese Behauptung, auf der seine gesamte Argumentation fußt, aufführt. In seiner Rede vom 6. Dezember 2017, die auf der Internetseite des Weißen Hauses nachgelesen werden kann (https://www.whitehouse.gov/briefings-statements/statement-president-trump-jerusalem/) nennt Donald Trump vor allem aktuelle politische Gründe für seine Entscheidung, die amerikanische Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Dass er Jerusalem darin auch als die „Hauptstadt des jüdischen Volkes“ bezeichnet, „welche in Antiken Zeiten errichtet worden ist“, bedeutet die Anerkennung einer offensichtliche Tatsache, deren Wahrheitsgehalt mit Sicherheit nicht an der Frage hängt ob König David tatsächlich existierte und die auch nicht durch die von Paganini hervorgehobene Betrachtung wiederlegt wird, wonach Jerusalem im 8 Jahrhundert v. Chr. nicht administrativer Regierungssitz des Nordreiches Israels sondern des Königreiches Juda gewesen ist.

Auch der „Jerusalem Embassy Act“ des amerikanischen Kongresses von 1995, den der US-Präsident mit seiner Ankündigung vom 6. Dezember 2017 umsetzt (nachzulesen auf der Internetseite https://www.gpo.gov/fdsys/pkg/PLAW-104publ45/html/PLAW-104publ45.htm), erwähnt den Namen König Davids oder das antike Großreich Israel kein einziges Mal. Dafür weist er auf die spirituelle Bedeutung Jerusalems für das Judentum hin, erkennt an, dass Jerusalem heute faktisch der Sitz der israelischen Regierung ist, und erklärt, dass jedes souveräne Land das Recht hat, seine Hauptstadt selbst zu bestimmen.

Der Satz Paganinis „Die Frage nach der Historizität von König David und von seinem Nachfolger Salomo – und damit verbunden die Frage nach der historischen Glaubwürdigkeit eines Großreiches Israels am Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus – ist allerdings entscheidend, will man im Sinne eines Donald Trump zumindest populistisch den Anspruch des modernen Staates Israel auf Jerusalem als seine Hauptstadt rechtfertigen“ ist schlichtweg falsch. Mit seiner Schlussfolgerung „Jerusalem ist mit Sicherheit nicht seit 3000 Jahren die Hauptstadt Israels“, wiederspricht Paganini einer imaginären Behauptung (Jerusalem sei seit 3000 Jahren die Hauptstadt Israels), die tatsächlich weder Donald Trump noch sonst irgendein relevanter Akteur in der Debatte um die Frage nach der Legitimität von Jerusalem als Hauptstadt des heutigen Staates Israel je in den Raum gestellt hat. So desavouiert der Aachener Theologieprofessor den Anspruch Israels auf Jerusalem, indem er von ihm frei erfundenen Argumenten wiederspricht und übertüncht die tatsächliche, historisch belegte, tiefe Verbindung zwischen Jerusalem und Judentum.

Dies entspricht dem Ziel einer Kampagne islamischer Staaten und Organisationen, die seit Jahren versuchen, die nachweisbare historische, religiöse und kulturelle Verbindung zwischen Jerusalem und Judentum in Abrede zu stellen, und die sich unter anderem in diversen UNESCO-Resolutionen und der mutwilligen Zerstörung archäologischer Artefakte durch die jordanische Waqf-Stiftung, welche die administrative Aufsicht über den Tempelberg hat, manifestiert. Mit dieser Kampagne versuchen diese Akteure, Jerusalem alleine für den Islam zu beanspruchen.

Dabei hat Jerusalem in den islamischen Schriften und Narrativen bei weitem nicht jene zentrale Bedeutung, die es für das Judentum hat. Im Unterschied zur Hebräischen Bibel (Altes Testament) erwähnt der Koran Jerusalem explizit kein einziges Mal. Im Arabischen wird Jerusalem neben al-Quds auch Bait al-Maqdis genannt, was eine Lehnübersetzung des hebräischen Bait ha-Mikdasch ist (Sitz des Tempels). Die Bedeutung Jerusalems für den Islam beruht im Wesentlichen auf dem Mythos, dass der Prophet Mohammed von Mekka aus auf einem Fabelwesen namens Buraq zu einem fernen Ort gereist ist, bei dem es sich nach der islamischen Tradition um Jerusalem gehandelt haben soll. Von dort soll er dann in den Himmel aufgestiegen sein. Die Historizität dieses Narrativs untersucht Paganini, anders als die des Palastes von König David, freilich nicht. Dabei kann der Anspruch den die Palästinenser auf Jerusalem erheben tatsächlich nur in diesem Kontext verstanden werden. Als nationale Volksgruppe sind die Palästinenser erst nach der Gründung des Staates Israel und in Reaktion darauf entstanden. Ihr Recht auf Selbstbestimmung haben die arabischen Länder lange Zeit, bis weit nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, gar nicht anerkannt. Versuche, die Herkunft der Palästinenser auf die vor-abrahamitische Zeit zurückzudatieren (so Mahmud Abbas), indem die biblischen Philister mit den heutigen Palästinensern gleichgesetzt werden, entbehren jeder historischen Grundlage. Auch dazu schreibt Paganini kein Wort. Der Anspruch der Palästinenser auf Jerusalem gründet allein darauf, Speerspitze der islamischen Welt zu sein, die den Tempelberg in muslimischen Händen wissen will. Dies freilich ist bereits jetzt der Fall. Der Tempelberg, der darauf befindliche Felsendom sowie die benachbarte alAqsaMoschee, unterstehen der islamischen religiösen Waqf-Stiftung. Diese Regelung, welche im politischen Diskurs als „Status Quo“ bezeichnet wird, wird auch durch die amerikanische Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil. In seiner bereits erwähnten Rede vom 6. Dezember sagt Donald Trump unmissverständlich: „Ich rufe alle Seiten dazu auf, den Status Quo der heiligen Stätten in Jerusalem beizubehalten. Das beinhaltet den Tempelberg, welcher auch als Haram al-Sharif bezeichnet wird.“ Ferner erklärte Trump explizit, dass die Vereinigten Staaten mit der Verlegung ihrer Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem keinerlei Positionen dazu beziehen, wie die Grenzen israelischer Souveränität innerhalb Jerusalems und anderswo endgültig zu ziehen seien.

Ebenfalls irreführend ist Paganinis Anmerkung, dass es Juden gerade unter den Muslimen wieder erlaubt wurde, „sich in Jerusalem anzusiedeln, was – wenngleich nicht immer ganz friedlich – grundsätzlich fast 1400 Jahre lang funktionierte.“ Die muslimische Herrschaft über Jerusalem begann im Jahre 638 n. Chr. mit der Eroberung der Stadt durch die Araber von den Sassaniden. Rechnen wir 1400 Jahre dazu, so landen wir im Jahr 2038. Auch wenn wir Paganini zugestehen wollen, dass es hier nicht um exakte Jahreszahlen, sondern eher um grobe Zeiträume geht oder dass er sich auch einfach verrechnet haben mag, so bezieht der Theologe seine Aussage doch auf einen Zeitraum, der von der Eroberung Jerusalems durch die Araber bis in die Gegenwart reicht. Dieser Zeitraum umfasst auch die Kollaboration arabischer Akteure mit den Nazis und dem französischen Vichy-Regime, die zu massiven antijüdischen Pogromen in der islamischen Welt geführt hat. Auch vorher gab es in der islamischen Welt verschiedene Formen antijüdischer Verfolgung und Diskriminierung. Unter der jordanischen Herrschaft über die Jerusalemer Altstadt, die von 1948 bis 1967 dauerte, wurde Juden der Zutritt zu den dortigen heiligen Stätten, inklusive der Klagemauer definitiv verwehrt. Damit verstießen die Jordanier gegen internationale Vereinbarungen, die sie eigentlich dazu verpflichteten, Juden Zugang zur Klagemauer zu gewähren. Darüber hinaus wurden wichtige jüdische Monumente durch die Jordanier zerstört. Das gesamte jüdische Viertel der Jerusalemer Altstadt, samt aller dort befindlichen Synagogen, wurde gesprengt. Der große jüdische Friedhof auf dem Jerusalemer Ölberg wurde geplündert. Seine Grabsteine wurden für den Bau von Latrinen in jordanischen Militärlagern missbraucht. Über das Friedhofsgelände wurden Straßen, Häuser und ein Hotel gebaut. Erst seit der israelischen Eroberung Ostjerusalems von den Jordaniern haben Angehörige aller Religionen wieder Zugang zur Jerusalemer Altstadt. Allerdings begrenzt und reglementiert die jordanische islamische Waqf- Stiftung, welcher die administrative Aufsicht über den Tempelberg von den Israelis zugestanden wird, den Zugang von Nichtmuslimen zum Tempelberg ganz massiv. Juden, Christen und allen anderen Nichtmuslimen ist das Beten auf dem Tempelberg verboten. Der Zugang zum Felsendom, die Stelle, an der nach alttestamentlicher Überlieferung Abraham Issak Gott als Opfer angeboten haben soll, und zur al-Aqsa Moschee, einer ehemaligen Kirche, wird ihnen komplett untersagt. Die bloße Präsenz eines jüdischen israelischen Politikers auf dem Tempelberg wurde von den Palästinensern im Jahre 2000 zum Anlass genommen, die zweite Intifada auszurufen. Vertretern deutscher Kirchen, die im Oktober 2016 Jerusalem besuchten, wurde der Zugang zum Tempelberg von der Waqf erst gestattet, nachdem sie ihre Kreuze abgenommen hatten.

Während Paganini also suggeriert, dass Juden unter islamischer Herrschaft freien Zugang zu ihren heiligen Stätten in Jerusalem hätten, zeigt die neuere Geschichte genau das Gegenteil. Dass Paganini diesen Fakt in einem imaginären Zeitraum von 1400 Jahren untergehen lässt, ist ein weiteres Beispiel für die manipulative Art seiner polemischen Scheinargumentation.

Die selektive Art und Weise, mit der Paganini bestimmte Fakten hervorhebt und andere verschweigt, und die Verzerrung der Realität durch falsche Prämissen und ungenaue Angaben stellt eine ideologisch motivierte Form der Geschichtsklitterung dar, welche israelische Souveränität delegitimiert und antijüdische Ressentiments forciert. Letztere klingen auch durch, wenn Paganini insinuiert, dass die Auswertung eines archäologischen Fundes schon alleine deswegen anzuzweifeln sei, weil die entsprechende Ausgrabung von einem „US-amerikanischen, jüdischen Banker (Sohn von Auswanderern aus Nazi-Deutschland) und mit Hilfe einer zionistischen Stiftung („The Shalem Centre“) finanziert“ worden sei.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Aachen e. V. setzt sich für ein sachlich fundiertes Verständnis israelischer Geschichte, Politik und Gesellschaft ein, das frei von antisemitischen Vorurteilen ist. Zu diesem Zweck bieten wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern wie zum Beispiel der Aachener Volkshochschule ein breites Programm an Vorträgen und anderen Veranstaltungen an. Leider hat die Berichterstattung in der Aachener Lokalpresse über einen Teil dieser Veranstaltungen in der jüngeren Vergangenheit davon abgesehen, uns als Mitveranstalter zu nennen. Unsere nächste Veranstaltung, die in einem engen inhaltlichen Zusammenhang zum Thema des hier behandelten Artikels von Simone Paganini steht, findet am Dienstag, dem 30. Januar 2018 statt. Dann spricht Ulrich W. Sahm, der dienstälteste deutsche Nahostkorrespondent, im Saal der Jüdischen Gemeinde Aachen, Synagogenplatz, zum Thema „Die heiligen Stätten Israels: Archäologie als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln?“ Der Vortrag beginnt um 19 Uhr und wird in Kooperation mit der Volkshochschule Aachen organisiert. Die Teilnahme ist kostenlos und für alle offen. Da der Vortrag im Saal der Jüdischen Gemeinde stattfindet, ist aus Sicherheitsgründen allerdings eine Anmeldung bei der Volkshochschule unter den Aachener Telefonnummern 47920 oder 4792111 bis zum 28. Januar 2018 unbedingt erforderlich. Besucher des Vortrages werden außerdem gebeten, ihren Personalausweis mitzubringen. Das Mitbringen großer Taschen ist nicht gestattet.

Für die Deutsch-Israelische Gesellschaft Aachen e. V.

Alexander E. Weyermann
stellv. Vorsitzender

Jörg Lindemann
Vorsitzender

 

Unsere Stellungnahme können sie hier nachlesen und als PDF herunterladen.