Zynische Instrumentalisierung des Anschlags von Halle zur Marginalisierung und Legitimierung von Judenhass

Leserbrief der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Aachen e.V. zum Kommentar „Notorisch unterschätzt“ von Joachim Zinsen, in der Aachener Nachrichten/ Aachener Zeitung vom 11. Oktober 2019.

Diesen Leserbrief hat der Zeitungsverlag Aachen nicht veröffentlicht!

„Immer häufiger wurde Antisemitismus auch Kritikern der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern unterstellt“, schreibt Joachim Zinsen ausgerechnet in einem Kommentar der AN/AZ vom 11.Oktober 2019 zum Anschlag auf die Synagoge von Halle. Diese Behauptung ist nicht nur falsch, sondern selbst antisemitisch, weil sie darauf abzielt, israel-bezogenen Judenhass als legitime Kritik an israelischer Politik zu verzerren und damit zu legitimieren. Israel-bezogener Judenhass, also die Projektion klassischer, zum Teil jahrhunderte-alter anti-jüdischer Stereotypen auf den jüdischen Staat ist von der empirischen Forschung als eine der am weitesten verbreiteten und einflussreichsten Formen des heutigen Antisemitismus nachgewiesen und wird von dieser auch konzeptuell deutlich von bloßer Kritik am Staat Israel unterschieden. Er ist sowohl in linken und muslimischen wie auch in rechten und deutsch-nationalen Kreisen verbreitet. Der Attentäter von Halle selbst benutzte das Idiom „Zionistisch okkupierte Regierung“, ein gängiges Codewort unter rechten Rassisten für die antisemitische Idee einer zionistischen Weltverschwörung und der Fremdbestimmung anderer Staaten durch Israel. Die international anerkannte und auch vom deutschen Bundestag ratifizierte Antisemitismusdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) erwähnt den israel-bezogenen Antisemitismus ausdrücklich. Für die Behauptung, dass der Antisemitismusvorwurf missbraucht würde, um Kritik am Staat Israel abzuwenden, kennt die empirische Forschung hingegen keine Belege. Trotzdem wird diese Unterstellung immer wieder ins Feld geführt, um der Idee von einem angeblichen Verbot der Kritik am Staate Israel und dem antisemitischen Topos der jüdischen Meinungskontrolle Vorschub zu leisten. Weiterhin führt Herr Zinsen den Anschlag von Halle als vermeintlichen Beweis dafür ins Feld, dass Antisemitismus ausschließlich von rechts komme und es ein Fehler sei, den Antisemitismus auch in Milieus zu verorten, die migrantisch und muslimischen geprägt sind. Zinsen wörtlich: „Verortet wurde er [der Antisemitismus] vornehmlich bei Zuwanderern und Muslimen. Immer häufiger wurde Antisemitismus auch Kritikern der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern unterstellt (…) Halle hat nun in schrecklicher Weise deutlich gemacht: Die tödliche Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland kommt nach wie vor von rechts“. Dabei hat es nur weniger Tage vor dem Anschlag von Halle ein Attentat auf die jüdische Gemeinde von Berlin gegeben, das von einem 23jährigen Syrer ausgeführt wurde, der „Allah-Akbar“ und „Fuck Israel“ rief, während er zur – zum Glück vereitelten –Tat schritt.  Dass das Blutbad von Halle auf das Konto eines deutschen Rechtsextremisten geht, ist unbestritten. Dass man diesem Rechtsextremismus ernst nehmen und ihm entschlossen entgegentreten muss, ebenso. Den Anschlag eines Rechtsextremisten dafür zu missbrauchen, andere Formen des Antisemitismus zu marginalisieren und gar zu legitimieren, ist eine Verhöhnung der Opfer von Halle und all jener die der Attentäter ins Visiergenommen hatte.     

Ein Gedanke zu „Zynische Instrumentalisierung des Anschlags von Halle zur Marginalisierung und Legitimierung von Judenhass

  1. Ich gebe Herrn Weyermann recht, die Kritik an der Politik des Staates Israel dient allzu oft als Deckmantel für einen tief verwurzelten Antisemitismus. Politik wird von Menschen gemacht, die überall fehlbar sind, auch in Israel. Doch während Zurechtweisungen zum politischen Handeln für die x – beliebigen Länder der Welt meistens ohne vorgefassten Meinungen geäußert werden – d. h. ohne irgendeine allgemeine Einstellung zu dem Volk des jeweiligen Landes – muss man bei der Wahrnehmung einer Israel-Kritik aufpassen und gründlich differenzieren können: Wird da ein bestimmtes politisches Vorgehen vorbehaltslos gerügt, oder stecken dahinter die durch die Generationen – seit beinah zwei Jahrtausenden – weitergegebenen Vorurteile (die oft völlig verzerrt auf den Staat Israel „lokalisiert“ werden.

    Ich selber freue mich um den gegenwärtigen Wechsel in der israelischen Regierungsbildung (bei Ministerpräsident Netanjahu hatte ich so manches auszusetzen). Vor nicht so lagen Zeit sah ich mir im Fernsehen eine lange Reportage über die Vorbereitung und Durchführung des Osloer Friedensabkommens. Wie viel politisches Geschick und noch viel mehr Selbstüberwindung hatten diese Schritte für das Duo Rabin-Perez und ihrem Teamgekostet! Wie der spätere Ministerpräsident damals dagegen gekontert hatte, machte mich richtig stutzig, und ich konnte den Gedanken nicht loswerden „Wäre doch Jitzak Rabin nicht ermordet und sein Werk weitergeführt worden.“ Doch ich musste höllisch aufpassen, WEM ich diese meine Gedanken mitteile, und oft hatte ich auch nicht den Mut, Nichtjuden gegenüber meine Bedenken zu verbalisieren. Den oft musste ich hinter der „Zustimmung“ zu meinen politischen Überlegungen einen Antisemitismus entdecken, die ich, aus jüdischer Familie stammend, besonders während meiner Kindheit in Siebenbürgen/Rumänien schmerzhaft zu spüren bekam, und das (ich bin Jahrgang 1953) Jahrzehnte nach dem Holocaust (teilweise mit der Leugnung oder Verharmlosung dieses Völkermordes).
    Leider muss ich auch sagen, dass die oben genannten antisemitischen Anfeindungen nicht aus der rumänischen Bevölkerung kamen, sondern seitens von Ungarn (Siebenbürgern gehörte bis 1918 zu der k. u. k. Doppelmonarchie.) Ohne verallgemeinern zu wollen, kann ich auch sagen, dass ich genau die gleichen antijüdischen Stereotypen gegenwärtig aus den die Orbán-Fidesz-Regierung unterstützenden ungarischen Kreisen diesmal gegen Migranten und Muslimen gerichtet erlebe.
    Mir ist der starke heutige Antisemitismus in den islamischen Ländern allzu gut bekannt, und ich finde diese Entwicklung beunruhigend. Doch diesbezüglich soll man sich ebenfalls vor Verallgemeinerungen hüten und nicht Islam und Islamisten verwechseln. Immerhin erlebten Juden zwei Jahrtausende lang viel mehr Toleranz, kulturelle Zusammenarbeit und Integrationsmöglichkeit in den muslimischen Ländern als im hoch-christlichen Europa. Auch wenn leider heute aus den muslimischen Ländern Antisemitismus nach Europa importiert wird, hatte ich im Laufe meiner 16-jährigen Arbeit bei „Religions for Peace“ auch durchaus positive Kooperationen mit muslimischen Teilnehmern erlebt – auch mit Menschen aus den palästinensischen Gebieten – , die völlig unparteiisch meine Darlegungen zu jüdischen Themen wahrgenommen und entsprechend kommentiert hatten. – Ich bin seit 37 Jahren Fachjournalistin für Judentum und christlich-jüdischen Dialog. –
    Monika Beck

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