„Arisierung“ noch weitgehend unerforscht

Interessanter Artikel der Aachener Nachrichten – Stadt

„Arisierung“ noch weitgehend unerforscht
Zwischen 1933 und 1945 hat auch die Stadt Aachen jüdische Immobilien erworben. Die Umstände sind vielfach ungeklärt.

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13.06.2018

„Arisierung“ noch weitgehend unerforscht

Zwischen 1933 und 1945 hat auch die Stadt Aachen jüdische Immobilien erworben. Die Umstände sind vielfach ungeklärt.

Von Gerald Eimer

Aachen. Auch die Stadt Aachen ist in den Jahren 1933 bis 1945 Besitzerin mehrerer Häuser und Grundstücke geworden, die zuvor jüdischen Bürgern gehört haben. Dies geht aus einer Stellungnahme der Verwaltung zu einer Ratsanfrage der Linken hervor. Anlass der Anfrage waren Berichte aus Frankfurt, wonach dort in der Nazizeit rund 170 Immobilien aus jüdischen in städtischen Besitz übergegangen sind. Vielfach mussten die Immobilien im Zuge der sogenannten Arisierung weit unter Wert verkauft werden.

Von einer solchen Größenordnung wird in Aachen kaum die Rede sein können, da nicht nur die Stadt deutlich kleiner ist, sondern auch der prozentuale Anteil der jüdischen Bevölkerung mit 0,8 Prozent deutlich niedriger war als in Frankfurt (fünf Prozent). Rund 1350 Menschen jüdischen Glaubens lebten 1933 noch in Aachen, nach dem Krieg waren es kaum mehr als 50. Einigen gelang noch die Flucht ins Exil, viele wurden allerdings auch hier systematisch entrechtet, verfolgt und deportiert. Mehr als 350 Aachener Juden sind Opfer des Holocaust geworden.

Vertiefende Forschungen nötig

Völlig unklar ist hingegen, wie viele von ihnen zuvor Grundbesitz in Aachen besaßen. Eine Auflistung in den städtischen Akten konnte bisher nicht gefunden werden, wie das Stadtarchiv mitteilt. Auch hat die Stadt keine Erkenntnisse darüber, in welchem Umfang sie in jener Zeit selbst jüdische Häuser und Grundstücke erworben hat.

„Mangels direkter Quellen kann zur Anzahl der betroffenen Grundstücke derzeit ohne vertiefende Forschungen keine Aussage gemacht werden“, heißt es in der städtischen Stellungnahme. Sie empfiehlt daher eine „strukturierte wissenschaftliche Aufarbeitung.“ Möglicherweise könnte das auch bald in Auftrag gegeben werden. Die Linke bereitet einen entsprechenden Antrag bereits vor, teilte sie gestern mit.

Die Hoffnung liegt dabei auf Wissenschaftlern und Studierenden der RWTH, die bereits die Schicksale einzelner jüdischer Familien oder auch Gewerbezweige aufarbeiten. Beispielhaft kann allerdings auch das Stadtarchiv schon einzelne Fälle nennen.

So hat die Stadt im August 1939 etwa das Haus Jakobstraße 57 gekauft, dessen jüdische Eigentümerfamilie bereits im Dezember 1934 in die Niederlande ausgewandert war.

Im Februar 1939 hat die Stadt einem jüdischen Ehepaar ein Grundstück an der Peterstraße abgekauft, das noch im selben Monat in die Niederlande auswandern konnte. Dem Grundstück wurde ein Wert von 15 000 Reichsmark attestiert, gezahlt wurden jedoch nur 10 500 Reichsmark. Dort wurden allerdings auch mehrere nicht jüdische Grundstücke angekauft, die im Zuge der geplanten Altstadtsanierung und für die Straßenverbreiterung benötigt wurden.

Straßenverbreiterungen sollen auch der Grund für mehrere Ankäufe in den Jahren 1935 und 1938 an der Großkölnstraße, Kleinkölnstraße und Alexanderstraße gewesen sein. In einem Fall musste sich ein jüdischer Schuhwarenhändler aus Stolberg von seinen Grundstücken trennen.

In einem weiteren Fall soll ein jüdischer Eigentümer zu einem nicht bekannten Zeitpunkt vom Deutschen Reich enteignet worden sein, das Grundstück wurde 1943 an die Stadt verkauft. Die Aufbauten wurden nach Erkenntnissen des Stadtarchivs im Krieg komplett zerstört.

Vor allem auch diese Kriegszerstörungen erschweren es, Aussagen darüber zu machen, ob die damals gezahlten Preise angemessen waren. Vielfach müssten aber überhaupt erst mühselig die gezahlten Preise in Verkaufsurkunden oder Grundbucheinträgen ermittelt werden, gibt die Verwaltung zu bedenken, die auch deshalb eine wissenschaftliche Aufarbeitung für erforderlich hält.

Umfangreichere Untersuchungen hält sie auch im Falle des Synagogen-Grundstücks an der Promenadenstraße für nötig. Wann und wie es in städtischen Besitz kam, habe trotz umfangreicher Recherche nicht geklärt werden können. Die alte Synagoge ist in der Pogromnacht im November 1938 in Brand gesteckt worden und musste in der Folge auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgetragen werden. An gleicher Stelle wurde erst 1995 die heutige neue Synagoge eröffnet.

Wiedergutmachungsversuche

In den allermeisten Fällen hat es nach dem Ende der Naziherrschaft sogenannte Wiedergutmachungsverfahren gegeben. Überlebende ehemalige Eigentümer oder deren Angehörige konnten Anträge stellen, durch die entweder die Rückübertragung der Grundstücke oder auch finanzielle Entschädigungen erzielt werden konnten. Ohne überlebende Anspruchsberechtigte sei das Eigentum auf die in der Nachkriegszeit gegründete jüdische Treuhandgesellschaft
„Jewish Trust Corporation“ übergegangen, teilt die Stadtverwaltung mit. Teils seien von dieser Gesellschaft auch erst in den 1950er Jahren noch ehemals jüdische Grundstücke an die Stadt verkauft worden.

Die Wiedergutmachungsakten werden unter anderem im Landesarchiv in Duisburg aufbewahrt. Auch dort könnte also eine Fundgrube für die Forscher sein, die sich künftig mit der „Arisierung“ jüdischen Eigentums in Aachen befassen.

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