Betreff: Jüdisches Leben in Brüssel

»Sorgen in Flandern« – Der muslimische Antisemitismus sowie das drohende Verbot des Schächtens und der Beschneidung ­lassen manche daran zweifeln, ob jüdisches Leben in Antwerpen und auch in Brüssel eine Zukunft hat
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Sorgen in Flandern
Der muslimische Antisemitismus sowie das drohende Verbot des Schächtens und der Beschneidung ­lassen manche daran zweifeln, ob jüdisches Leben in Antwerpen und auch in Brüssel eine Zukunft hat
10.05.2018 – von Michael Thaidigsmann Michael Thaidigsmann
Das Urteil fällt harsch aus. »Ich sehe hier langfristig keine Zukunft mehr für meine Kinder«, sagt Michael Freilich, prominenter Antwerpener Jude und Chefredakteur von »Joods Actueel«, dem führenden jüdischen Monatsblatt im flämischen Teil des Landes.
Der Vater von vier Kindern nennt als Hauptgründe zum einen die »zunehmende Intoleranz säkularer Ideologen« gegenüber Religion im Allgemeinen. Und er sagt, es sei in Belgien zusehends schwierig, als praktizierender Jude seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Seit dem Terroranschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel vor vier Jahren stehen jüdische Schulen und andere Gemeindeeinrichtungen im Land rund um die Uhr unter Polizeischutz.
Diamantenviertel Nur wenige Schritte vom prächtigen Hauptbahnhof entfernt liegt Antwerpens Diamantenviertel. Hier leben und arbeiten rund 15.000 chassidische Juden. Einige Straßenzüge wirken wie eine Mischung aus Schtetl und moderner Welt. Zwischen den unzähligen Juwelieren finden sich zahlreiche jüdische Geschäfte und etliche koschere Restaurants.
Durch die Lange Kievitstraat, vorbei an der Bäckerei Steinmetz, die für ihren delikaten Käsekuchen bekannt ist, geht ein chassidischer Jude, der am Handy eine Order für 2500 Dollar durchgibt. Ein paar Meter hinter ihm patrouillieren zwei belgische Soldaten mit Maschinengewehren bewaffnet auf und ab. Und das in einer Straße, die auch bei näherem Hinsehen nichts mit der Luxusmeile einer Großstadt zu tun hat.
Noch vor fünf Jahren wäre es in Bel­gien undenkbar gewesen, dass Soldaten im Kampfanzug eingesetzt werden, um Polizeiaufgaben zu erfüllen. Doch mittlerweile hat man sich an die Dauerpräsenz der Militärs auf den Straßen und Plätzen der großen Städte des Landes gewöhnt.
Viele jüdische Repräsentanten sind sehr zufrieden mit dem, was in den vergangenen Jahren staatlicherseits in puncto Sicherheit unternommen wurde. Yohan Benizri, der Präsident des jüdischen Dachverbandes CCOJB, der die Belange der 20.000 französischsprachigen Juden in Brüssel und im Süden des Landes vertritt, stellt fest: »Die jüdischen Einrichtungen werden gut beschützt, vor allem seit dem Anschlag auf das Jüdische Museum.«
Juden könnten sich »im Großen und Ganzen« hier sicher fühlen, meint Benizri und betont die großzügige finanzielle Unterstützung des Staates für den Schutz jüdischer Einrichtungen. Vor 2014 habe diese Aufgabe im Wesentlichen in der Hand der jüdischen Gemeinschaft gelegen.
Die Hauptgefahr für Belgiens Juden sieht Benizri im Populismus und Antisemitismus, die sich in den sozialen Netzwerken offen manifestieren. Die Stimmung sei schnell aufgeheizt, vor allem, wenn es um das Thema Israel gehe.
klage Was die Gemüter außerdem erregt, ist vor allem das jüngst von den Regionalparlamenten beschlossene Verbot des Schächtens, das 2019 in Kraft treten soll. Unisono wehren sich die jüdischen Verbände des Landes gegen den geplanten Bann. 2017 haben sie Klage eingereicht, um das Schächtverbot vor Gericht zu Fall zu bringen.
Im Vordergrund stehen dabei weniger die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Maßnahme. Nur etwa 1000 Tiere pro Jahr (Geflügel ausgenommen) werden in Belgien nach halachischem Ritus geschlachtet. Der weitaus größere Teil an koscherem Fleisch werde importiert, sagt Michael Freilich.
Den Vertretern der jüdischen Gemeinschaft geht es vielmehr um den Schutz elementarer Bürgerrechte. Der Jurist Be­nizri gibt sich zuversichtlich, dass sich das Schächtverbot juristisch noch kippen lässt. »Es ist unnötig und unverhältnismäßig, und es verstößt sowohl gegen EU-Recht als auch gegen fundamentale Menschenrechte. Wir sind gegen dieses Gesetz, gerade weil wir uns als Demokraten dem Schutz von Recht und Gesetz verpflichtet sehen«, sagt Benizri.
Auch Michael Freilich beklagt eine wachsende Bedrohung der Religionsfreiheit. »Die säkulare Welt wird immer aggressiver und intoleranter gegenüber religiösen Menschen. Das ist nicht nur in Belgien so, aber hier ganz besonders«, sagt er.
Selbst in der Partei des Antwerpener Bürgermeisters und Chefs der flämisch-nationalistischen NVA, Bart De Wever, sei eine große Mehrheit für ein Verbot des rituellen Schlachtens, so Freilich.
Der landesweit bekannte Politiker De Wever sei eindeutig ein Freund der jüdischen Gemeinde, sagt der Journalist Freilich, aber auch er könne nichts durchsetzen gegen den Willen von 95 Prozent seiner Parteimitglieder, die das Schächtverbot befürworten.
Traditionen Während die zuständigen Parlamente mit großer Mehrheit beschlossen, die Gerichte aber noch nicht gesprochen haben, fürchten viele Juden bereits das nächste heikle Thema: das Verbot der religiösen Beschneidung Minderjähriger.
Jüngst empfahl der Ethikrat der Föderalregierung auf Antrag von Ärzten, diese Praxis zu verbieten. »Da die Beschneidung irreversibel ist und einen radikalen Eingriff darstellt, hat nach unserer Auffassung die körperliche Unversehrtheit des Kindes Vorrang vor dem Glauben der Eltern«, führte die Vorsitzende des Ethikrates, Marie-Geneviève Pinsart, zur Begründung aus.
Nach Ansicht Freilichs werden zentrale jüdische Traditionen wie die Beschneidung und das Schächten von der säkularen Mehrheit der Bevölkerung immer mehr als Elemente einer »retardierten Lebensweise« angesehen und abgelehnt. Auch an staatlichen Schulen würde oft nur wenig Rücksicht genommen auf jüdische Schüler und ihre religiösen Gefühle. So fänden Prüfungen heute auch am Schabbat statt.
Das habe zur Folge, dass Kinder aus ultraorthodoxen Familien überwiegend auf jüdische Schulen gingen und fromme Juden sich immer mehr aus dem öffentlichen Leben der Städte zurückzögen.
»Viele bevorzugen es, unter sich zu bleiben. Sie haben wenig Kontakt mit Nichtjuden, lernen kaum noch Niederländisch und leben ein bisschen so wie in einem Ghetto«, meint Freilich.
In Antwerpen wachse nur die charedische Gemeinschaft, dank einer hohen Geburtenrate. Die im Vergleich zu anderen Ländern großzügigen Sozialleistungen, vor allem für kinderreiche Familien, und die Genügsamkeit vieler ultraorthodoxer Juden machten das Leben in Antwerpen nach wie vor attraktiv
Die modern-orthodoxe jüdische Gemeinde, der Freilich angehört, schrumpft hingegen. Es werde immer schwieriger, sowohl ein jüdisches Leben zu führen als gleichzeitig auch aktiver Teil der belgischen Gesellschaft zu sein, klagt der Journalist. Neben der wachsenden Intoleranz der Mehrheitsgesellschaft führt er auch ökonomische Gründe dafür an, dass inzwischen viele belgische Juden darüber nachdenken, auszuwandern.
anfeindungen Pinkas Kornfeld, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Antwerpens, schlägt optimistischere Töne an. Trotz aller Anfeindungen und vereinzelter negativer Zwischenfälle glaubt er fest daran, dass die jüdische Gemeinschaft der Stadt eine Zukunft hat.
Nach wie vor sei Antwerpen ein Magnet für Juden aus aller Welt, sagt er, und das aus vielerlei Gründen. Sie kämen hierher, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, in eine jüdische Familie einzuheiraten oder an einer renommierten Jeschiwa in der Stadt zu studieren.
Auch wenn traditionelle Domänen wie das Diamantengeschäft für Newcomer nicht mehr so zugänglich seien wie früher, als vier Fünftel der Antwerpener Juden damit ihren Lebensunterhalt bestritten, sei die 520.000-Einwohner-Stadt trotz aller Probleme nach wie vor ein guter Ort für Juden.
»Oft richtet sich die Kritik ja gar nicht gegen uns, sondern gegen die Muslime. Wir sind sozusagen der Kollateralschaden«, sagt Kornfeld in Bezug auf die Debatten um das Schächten und die Beschneidung. »Und in vielen europäischen Ländern«, fügt er hinzu, »laufen gerade ähnliche Diskussionen.«
Sowohl Antwerpen als auch Brüssel sind Städte mit einem hohen Anteil von Einwanderern aus muslimischen Ländern. Etwa 250.000 Muslime leben in Brüssel; das entspricht ungefähr einem Viertel der Bevölkerung. In Antwerpen ist es ein Sechstel.
Im traditionell toleranten und weltoffenen Belgien galt lange Zeit das Motto »Leben und leben lassen«. Doch seit den Terroranschlägen 2014 und 2016 ist die Stimmung deutlich angespannter, und die öffentliche Diskussion über die vermeintlich schlechte Integration von Muslimen wird offener und lautstärker geführt.
terror Nachdem Belgien im Zuge der Anschläge in vielen internationalen Medien als ein Land dargestellt wurde, in dem islamistische Terrorzellen ungehindert schalten und walten konnten, reagiert die Politik nun mit markigen Worten und Taten.
So entzog Integrationsminister Theo Franken, ein Hardliner der NVA-Partei, dem Imam der Großen Moschee von Brüssel, Abdelhadi Sewif, im vergangenen Herbst wegen des Verdachts salafistischer Umtriebe die Aufenthaltserlaubnis. Erklärtes Ziel ist es, einen »belgischen Islam« zu begründen und so den Einfluss marokkanischer und türkischer Autoritäten auf die im Land lebenden Muslime und ihre Gemeinden zurückzudrängen.
Auch wenn es in politischen Fragen wie dem Schächt- oder dem Beschneidungsverbot gemeinsame Interessen zwischen Juden und Muslimen gibt, bleibt die Distanz zwischen beiden Seiten beträchtlich. Jüdische und muslimische Repräsentanten versuchen gemeinsam, das Schächtverbot zu kippen. Aber obwohl die islamischen Verbände und Moscheegemeinden im Vergleich zu jüdischen Gemeinden ein Vielfaches an Mitgliedern aufweisen, wird ihr politischer Einfluss als eher gering eingeschätzt.
Das Misstrauen zwischen Juden und Muslimen im Land hat weiter zugenommen, nicht nur wegen der Terroranschläge, sondern auch aufgrund zahlreicher antisemitischer Vorfälle, die auf das Konto muslimischer Fanatiker gingen. So wurde in Antwerpen kürzlich ein muslimischer Flüchtling von Überwachungskameras ge­filmt, wie er 20 an den Eingangstüren jüdischer Einrichtungen angebrachte Mesusot zerstörte.
Michael Freilich wird sehr deutlich: »Zwischen Juden und Muslimen gibt es hier praktisch keine Beziehungen. Wir sind zwar Nachbarn, und wir grüßen einander höflich (mal abgesehen von den Unruhestiftern), aber wir leben nicht miteinander.« Es gebe keine gemeinsamen Veranstaltungen, keinen kulturellen Austausch und auch keine gemeinsamen sportlichen Aktivitäten oder Jugendprogramme.
Freilich sagt, seine Heimatstadt sei für Juden »eigentlich ein guter Ort zum Leben«. Aber er fügt hinzu: »Mit allem, was da gerade um uns herum passiert, sieht die Zukunft der hiesigen jüdischen Gemeinde nicht rosig aus.«
Und doch spürt der Besucher bei einem Rundgang durch die Stadt, dass sich die Juden trotz aller Widrigkeiten nicht so leicht unterkriegen lassen. Die Gemeinde schrumpft nicht, sie bleibt stabil, nicht nur zahlenmäßig. Die wachsenden Anfechtungen schweißen sie eher noch zusammen, so scheint es.

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